Donnerstag, November 02, 2006

Rock the Kasper.

Stell Dir vor, Du bist Quantenphysiker und wirst eingeladen, einen Vortrag zu halten. 20 Minuten vor Beginn erfährst Du, dass dein Publikum aus zwölf Sauerländer Kegelvereinen besteht, die sich auf einen bunten Abend mit derben Zoten und Gruppenschunkeln freuen und schon knallvoll "Jetzt geht's lo-hoos!" brüllen, während Du verzweifelt auf deinem Blackberry nach Fickwitzen googelst.

Ziemlich genau so ging es meinem Freund Jörn, der am Halloweenabend in einem Laden auf der Ratinger Straße auflegen sollte. Ich hatte ihm versprochen mitzumachen und mich auch schon tierisch drauf gefreut - am Rosenmontag hatten wir nämlich einem Super-Abend in einer anderen Altstadtkneipe, wo wir unerwarteterweise auf tolle Gäste trafen und inmitten der bierseligen Gröhlerei rundrum eine legendäre Alternative/Northern Soul/Ska-Nacht durchtanzen lassen konnten.

Um 19.00 Uhr dort aufgeschlagen, standen die Zeichen dafür erstmal schlecht. Erster Schock: Equipment aus den 80ern, sämtliche Kabel zwischen Türen verlegt und fast alle gebrochen, Mixer halbvoll mit Bier, knisternde und wackelige Fader. Super. Nach einer Stunde alles halbwegs am Laufen und der nächste Schock. Was da so zur Tür reinkam, sah stark nach Erstsemesterfete der TH Aachen ("Kariertes Hemd und Samenstau, wählt Aachen für Maschinenbau") und der Belegschaft eines Versicherungskonzerns aus. Puh.

Ich hab dann mal mutig mit Machine Gun von den Commodores eröffnet, mit der Average White Band nachgesetzt, um dann mit Arethas "Rock Steady" und "The Seed" von den Roots mal zu schauen, was so geht. Gar nix ging. Rundrum ratlos in ihre Biergläser glotzende Gesichter, so als ob ich einer Herde Cockerspaniel Zwölftonmusik vorgespielt hätte. Chefin wurde direkt auch schon nervös und meinte, wir sollten doch mal "was lustiges" spielen oder "was neues zum mitsingen" Lach! Da mir beim Thema Mitgröhlen eigentlich nur "Hello" von den Bates einfällt, musste Jörn früher als gedacht ran. Leicht schwitzend spielte er Hotel California von den Gypsy Kings und siehe da - die Sachbearbeiterinnen begannen mit den Hüften zu wackeln und die Maschbauer bestellten ihr zweites Alt. Plötzlich sah ich zwei Enddreissigerinnnen mit Meerschweinchenfrisur energisch auf uns zustürmen und witterte Beschwerden wegen der Scheißmusik. Weit gefehlt: "Sagt mal, wo krieg ich denn das Lied?" Jörn: "Öhm... bei WOM?" "Ja, Nee, von wem issen das?" (das meckernde Geseiher der Gypsy Kings sollte man eigentlich schnell identifizieren können) "Gypsy Kings" "Oh, und wie heißt das Lied?" "Hotel California" "Wie?" "HOTEL CALIFORNIA! UND JETZT SCHWIRRT AB! GEHT TANZEN"

OK, man muss kein großer Empath sein, um sich vorzustellen, dass wir beide langsam Darmbluten bekamen. Dies wurde auch noch heftiger, als wir mitbekamen, dass der Aushilfs-Zapf-Murat neben uns einen Deckel machte und wir also unser Bier bezahlen sollten. Langsam kam ich mir vor, als hätten die alle Lack gesoffen.

Glück für uns, die ein niemals-Schlager-auch-nicht-für-Geld-Gelübde abgelegt haben, war, dass Teufel Alkohol im Verbund mit dem Gott der besoffenen Geilheit irgendwann auch in den unbedarften Seelen der musikalisch Unbefleckten den allmächtigen Geist von Wolle Petri niedergerungen hatte. Eine Stunde später hatten wir auch diese schwere Lokomotive aus der Schinkenstraße manövriert und auf die Schienen gesetzt. Und einmal in Bewegung geraten, raste der Party-Express durch die Nacht bis zum frühen Morgen.

Auch wenn wir uns morgens so glücklich gefühlt haben wie am Gipfelkreuz nach mühseliger Besteigung eines Achttausenders, muss ich sagen: Das war haarscharf und daher nie, nie, wieder vor unbekanntem Publikum. Hölle, Hölle, Hölle.

7 Comments:

Blogger Markus Quint said...

Du besitzt eine besondere Gabe, Typen so zu beschreiben, dass man sie vor sich sieht. Fiel mir schon öfter auf, 1A Text: Neue Düsseldorfer Schule, hiermit begründet - auch wenn du bislang der einzige Vertreter bist. Aber das wird die Texte für die Nachwelt umso wertvoller machen.

7:55 PM  
Blogger creezy said...

Oh mein Gott, sag‘ mir das Ihr das nur geträumt habt?

10:44 PM  
Anonymous andie kanne said...

mq, stimmt! habe auch schon mit meinem VoKuHiLa gewippt :)

11:24 PM  
Blogger myglobalsoul said...

Mir waren, dank Globalisierung importierte und folglich komplett kontextlose, Halloween Parties schon immer irgendwie suspekt. Spricht wahrscheinlich genau die Klientel an, die Valentines Day braucht um der/m Liebsten Liebe zu zeigen...

2:02 AM  
Blogger Der_grosse_Transzendentale_Steini said...

@mq: Danke schön, sehr nett von dir. Meine Tastatur wird ganz rot...
@creezy: Soviel kann man vor dem Schlafengehen gar nicht essen.
@andie: Mosher waren klar in der Unterzahl!
@silly: Soo lange bis du doch noch nicht down under, um vergessen zu haben, dass der Rheinländer jede, aber auch jede sich bietende Gelegenheit zum Massenbesäufnis nutzt, oder?

12:28 PM  
Anonymous morticia said...

ich verdrück mir voll ein tränchen...du bist ja ein echter menschenfreund! ich habe bei sowas mal gekellnert und mich bei den kunden mit zusammengekippten bieren plus einem sehr persönlichen schaumkronengruß bedankt. 30 mal ententanz von einer ganz schlimmen kieler kombo und das willenlose kegelclubklientel haben mich praktisch dazu genötigt. 20 jahre her. ach was sag ich, fast 30. mann!

7:04 PM  
Blogger Der_grosse_Transzendentale_Steini said...

@Morti: Oh Gott, das hört sich ja noch viel schlimmer an. Wir konnten denen wenigstens hinterher einen ordentlichen Sound verpassen. Aber Du warst ja jung und brauchtest das Geld. Wenn ich für Kegelclubs kellnern müsste, würde ich mich auch über jede bestellte Apfelschorle freuen ;-))

12:04 PM  

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